Eine goldene Ära des deutschen Tennis
Deutschland erlebt im Tennis einen bemerkenswerten Aufschwung. Laut dem DTB-Geschäftsbericht 2024 standen im Juli 2024 elf deutsche Spieler in den Top 100 der Doppel-Weltrangliste — ein historischer Rekord. Im Einzel hält Alexander Zverev die Fahne in der absoluten Weltspitze hoch, während im Damenbereich Laura Siegemund international für Furore sorgt.
Die Breite ist beeindruckender als die Tiefe. Hinter Zverev fehlt zwar der zweite Weltklasse-Einzelspieler, aber die Masse an soliden Profis in den Top 150 ist größer als in vielen anderen Nationen. Deutsche Spieler sind auf der Tour präsent, bei Davis Cup und Billie Jean King Cup wettbewerbsfähig, und der Nachwuchs rückt nach.
Die Zeiten von Becker und Graf sind Geschichte, aber die Erinnerung daran motiviert die aktuelle Generation. Zverev hat das Potenzial, in ihre Fußstapfen zu treten — fehlt nur noch der Grand-Slam-Titel im Einzel. Bis dahin arbeiten deutsche Spieler daran, den Sport im Land populär zu halten und die nächste Welle von Talenten zu inspirieren.
Herren: Zverev, Struff und Co.
Alexander Zverev ist der unangefochtene Anführer des deutschen Herrentennis. Mit 24 ATP-Titeln, darunter sieben Masters-1000-Erfolge, und Karrierepreisgeldern von über 58 Millionen Dollar gehört er zu den erfolgreichsten Spielern seiner Generation. Das olympische Gold in Tokio 2020 machte ihn zum ersten deutschen Tennisspieler mit dieser Auszeichnung — ein historischer Moment, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist.
Zverevs Spielstil basiert auf einer der stärksten Aufschläge der Tour und einer Vorhand, die Gegner regelmäßig in die Defensive zwingt. Seine Größe von 1,98 Metern gibt ihm Reichweite und Winkel, die kleinere Spieler nicht haben. Seine Schwäche war lange die Nervenstärke in entscheidenden Momenten, aber auch das hat sich gebessert. Die Finalniederlage bei den US Open 2020 gegen Thiem schmerzt noch, aber Zverev hat seitdem bewiesen, dass er mit Druck umgehen kann.
Der fehlende Grand-Slam-Titel im Einzel bleibt das große Thema. Zverev hat alle anderen Karriereziele erreicht — Masters-Siege, olympisches Gold, Top-4-Platzierung — aber der Major-Triumph fehlt. Für Kritiker ist das ein Makel, für Zverev eine Motivation. Die Zeit drängt nicht: Mit Ende zwanzig hat er noch viele Chancen, diese Lücke zu schließen.
Jan-Lennard Struff ist der ewige Kämpfer im deutschen Tennis. Mit seiner kraftvollen Spielweise und seinem unbändigen Willen hat er sich einen festen Platz in den Top 100 erarbeitet. Struff ist kein Spieler für die großen Titel, aber ein verlässlicher Punktesammler bei mittleren Turnieren und ein geschätzter Davis-Cup-Spieler. Seine emotionale Spielweise macht ihn beim Publikum beliebt.
Dominik Koepfer, Yannick Hanfmann und Daniel Altmaier bilden die nächste Ebene. Alle drei bewegen sich zwischen Platz 80 und 150, mit gelegentlichen Ausreißern nach oben. Koepfer ist bekannt für seine Ausdauer und mentale Stärke — Matches gegen ihn ziehen sich oft über Stunden. Hanfmann punktet mit seinem taktischen Geschick und seiner Anpassungsfähigkeit an verschiedene Beläge. Altmaier überrascht regelmäßig mit Siegen gegen höher eingestufte Gegner.
Oscar Otte hatte 2022 seinen Durchbruch mit dem Einzug ins Achtelfinale der US Open, kämpft seitdem aber mit Formtiefs und Verletzungen. Das Potenzial ist da, die Konstanz fehlt. Für deutsche Fans bleibt er ein Spieler, den man im Auge behalten sollte — wenn er fit ist, kann er jeden schlagen.
Die Tiefe im deutschen Herrentennis ist begrenzt, aber die Basis solide. Hinter der ersten Reihe arbeiten junge Spieler an ihrem Aufstieg, unterstützt vom DTB und den Landesverbänden. In einigen Jahren könnte die nächste Generation bereit sein, Struff und Koepfer abzulösen.
Damen: Siegemund, Lys, Niemeier
Laura Siegemund ist die erfolgreichste deutsche Spielerin der Gegenwart — allerdings im Doppel. Auf Platz vier der Doppel-Weltrangliste und mit dem French-Open-Titel 2024 im Mixed hat sie Maßstäbe gesetzt. Im Einzel kämpft die erfahrene Spielerin um den Anschluss an die Top 100, aber ihre wahre Stärke liegt im Zusammenspiel mit Partnern. Ihre taktische Klugheit und ihr Spielverständnis machen sie zur idealen Doppelpartnerin.
DTB-Präsident Dietloff von Arnim betonte kürzlich den Aufschwung des deutschen Tennis: «Wir sind 1,5 Millionen. Darauf kann ganz Tennis-Deutschland stolz sein. Wir wachsen nun das fünfte Jahr in Folge.» Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Profibereich wider, wo die Infrastruktur für Spielerinnen wie Siegemund besser denn je ist. Der Verband unterstützt seine Athleten mit Trainerstäben, Physiotherapie und mentaler Betreuung.
Eva Lys gilt als größte Hoffnung für die Zukunft. Die junge Spielerin hat Kampfgeist, Athletik und das mentale Rüstzeug für die Top 50. Ihr Weg führt über Challenger-Turniere und Qualifikationsrunden, aber die Richtung stimmt. In drei bis fünf Jahren könnte sie die neue Nummer eins in Deutschland sein. Ihr unbedingter Siegeswille erinnert an die großen deutschen Spielerinnen der Vergangenheit.
Jule Niemeier erreichte 2022 das Viertelfinale von Wimbledon und bewies, dass sie auf der größten Bühne der Welt bestehen kann. Ihr kraftvolles Spiel und ihre Unbekümmertheit machten sie damals zur Überraschung des Turniers. Seitdem kämpft sie mit Verletzungen und Formschwankungen, aber das Talent ist unbestritten. Wenn sie gesund bleibt, hat sie das Potenzial für die Top 30.
Tatjana Maria inspiriert mit ihrer Geschichte. Als Mutter zweier Kinder kehrte sie auf die Tour zurück und erreichte 2022 das Halbfinale von Wimbledon. Mit über 35 Jahren bewies sie, dass Leidenschaft und Entschlossenheit wichtiger sind als Alter. Ihre Karriere ist ein Vorbild für alle, die glauben, es sei zu spät für große Träume.
Die Lücke, die Angelique Kerber hinterlassen hat, ist noch nicht geschlossen. Kerbers drei Grand-Slam-Titel und ihre Nummer-eins-Position 2016 setzten Maßstäbe, die schwer zu erreichen sind. Aber die nächste Generation arbeitet daran, und die Unterstützung des Verbandes ist stärker denn je.
Doppel-Spezialisten
Das Doppel ist die heimliche Stärke des deutschen Tennis. Kevin Krawietz und Tim Pütz bilden eines der erfolgreichsten Doppel der Tour. 2024 erreichten sie das Finale der US Open und gewannen den Titel in Hamburg — ein Erfolg, der in Deutschland leider zu wenig Beachtung fand. Ihre Chemie auf dem Platz ist das Ergebnis jahrelanger Zusammenarbeit und gegenseitigen Vertrauens.
Die elf deutschen Spieler in den Top 100 der Doppel-Rangliste sind kein Zufall. Der DTB hat die Doppelausbildung in den Nachwuchszentren verstärkt, und die Ergebnisse zeigen sich. Spieler wie Andreas Mies, der 2020 mit Krawietz die French Open gewann, haben bewiesen, dass Grand-Slam-Titel im Doppel möglich sind. Diese Erfolge inspirieren die nächste Generation.
Doppel bietet eine Karriereoption für Spieler, die im Einzel nicht ganz an die Spitze kommen. Die Preisgelder sind geringer, aber die Belastung ist anders verteilt, und die Karrieren können länger dauern. Für das deutsche Tennis ist es ein Bereich, in dem international konkurriert werden kann — und das tut es mit Nachdruck.
Die taktischen Anforderungen im Doppel unterscheiden sich erheblich vom Einzel. Netzspiel, Kommunikation, schnelle Reflexe — all das zählt mehr als reine Power. Deutsche Spieler haben traditionell ein gutes taktisches Verständnis, was erklärt, warum sie im Doppel erfolgreicher sind als im Einzel. Die Breite der Rangliste bestätigt diesen Trend.
Die Kombination aus Einzel-Hoffnungen wie Zverev und einer starken Doppelfraktion macht das deutsche Tennis vielseitiger als in vielen anderen Ländern. Bei Team-Wettbewerben wie dem Davis Cup zahlt sich das aus: Deutschland kann sowohl in Einzel- als auch in Doppelmatches punkten. Die Mischung aus individueller Klasse und kollektiver Stärke ist ein Markenzeichen des deutschen Tennis geworden.
Die Zukunft sieht vielversprechend aus. Mit der richtigen Förderung könnten in den nächsten Jahren weitere deutsche Spieler in die Doppel-Elite vorstoßen. Die Infrastruktur ist da, das Know-how ebenfalls — jetzt müssen die Talente liefern.
